Kindertheater

ALICE IST NICHT ALICE

- Das Kindertheater am Albert-Schweitzer-Gymnasium im 15. Jahr –

Die Arbeit begann im Januar, sobald unsere Entscheidung gefallen war: Nach „Pinocchio“ (2007) und „Peter Pan“ (2008) wollten wir zum Jubiläum des Kindertheaters am Albert-Schweitzer-Gymnasium einen Schritt weitergehen. Als 15. Produktion wählten wir – geradezu zwangsläufig – Lewis Carrolls Klassiker „Alice im Wunderland“. Natürlich wussten wir, welch schwieriges Kind wir uns da auf- und eingeladen hatten. Die erste Frage hieß: Welche Fassung spielen wir, welche deutsche Übersetzung, besser: welche Übertragung, sagt uns am meisten zu? Denn „Alice ist nicht Alice. Keine der vielen Übersetzungen gleicht auch nur in einem Satz der anderen“. So belehrte uns Barbara Teutsch, eine von 32 (!) Übersetzer/innen. Wir entschieden uns nach langer Lektüre für einen Mix, in dem die gewitzte, freche, die klassische Version von Christian Enzensberger eine Hauptrolle spielt: In seinem skurrilen Wunderland lernt Alice eine Suppenschildkröte kennen, die mit Wehmut an die Kinderjahre in ihrer „Meeresschule“ zurückdenkt, in der es Fächer wie „Erdbeerkunde mit und ohne Schlagsahne“ gab und „Marterhatmich“ mit „Zusammenquälen, Abmühen, Kahldehnen und Bruchlächeln“. Wir wussten, nicht alle kleinen und großen Zuschauer würden alle Anspielungen verstehen, und wir waren bei jeder der fünf Vorstellungen erneut überrascht, worauf das Publikum reagiert, wie häufig geschmunzelt und gelacht wurde und wie häufig wir zu hören bekamen: Das war aber schön gewesen!

Die ausgeflippten Tiere (in den wunderbaren Masken von Getraude Albertsen), das Geschnatter, Gekrächze, Miauen, Piepsen und Schnurren im und vor dem „Meer der Tränen“, die oberklugen Weisheiten der Raupe, die herrischen Posen des Kaninchens, die kindliche Neugier von Alice und die Vorlesekunst ihrer älteren Schwester – was am Ende so leicht ausgesehen hat, war ein hartes Stück Probenarbeit gewesen, mit einer phantastischen Gruppe: wir hatten 18 Spieler/innen gefunden, Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, die sich im Laufe der Wochen immer besser verstanden, die voneinander lernten, die sich gegenseitig halfen und den Altersunterschied vergessen ließen, die schließlich keine Angst mehr hatten, auf der Bühne alle Verrücktheiten aus sich herauszuholen, die in dieser verrückten Geschichte stecken.
Wir, das sind Philipp Roth, der unermüdliche Organisator, und Julian Kalf, der Warming-Up-Trainer und strenge Kritiker jedes falschen Spiels, das sind Imme Spelsberg, die großartige Bühnenbildnerin und ich, der wie immer bis zum letzten Wochenende zitterte und sich fragte, ob wir in der Lage sind, dieses wunderbar verrückte Märchen um die Träume und Albträume eines jungen Mädchens mit dem nötigen Zauber auszustatten.

Als wir zum erstenmal mit dem Klassenorchester der 8a probten und die beharrliche Arbeit des Dirigenten Bertram Rohde bewundern durften, der eine Musik-Collage zusammengestellt hatte, die sich geschmeidig über, unter und zwischen unsere Szenen legte, ahnten wir, es könnte etwas werden. Als die Generalprobe überstanden war, fühlten wir: Wir sind auf dem richtigen Weg. Als ALICE schließlich das Licht der Bühnenwelt erblickte und in der völlig überfüllten Aula der Beifall der jungen und alten Kinder – zwischen 8 und 70 Jahren – über unsere Spieler hereinbrach, da wussten wir: Der lange Weg hat sich gelohnt.

Hans Happel
(März 2010)